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Die Gewährleistungsfrist für Ihr Weltbild ist leider abgelaufen

3 Fluchtgedanken

Die Versuchung ist groß, diesen Beitrag mit den heiseren Worten “Damals, als ich noch jung war…” oder mit “In meiner Jugend…” zu beginnen, vielleicht noch mit einem resignierenden Seufzer wie “Ach ja” oder “Was soll’s” garniert, bin mir aber durchaus bewusst, dass der geneigte Zuhörer bzw. -leser (ein Zuleser! Eine Wortkreation! Frei für alle! Bittedankegerngeschehen!) mich alleine schon deshalb in die “Ach, lass den verwirrten alten Mann reden, guck’ lieber mal nach, aus welchem Heim der ausgebrochen ist”-Ecke und die Ohren bzw. Augen auf Durchzug stellen würde.

Folglich:

Vielleicht ist es naiv von mir anzunehmen, dass man einen Fehlkauf (eine Batterie, ausgerechnet; wer konnte auch ahnen, dass es mehr als eine Batterie (Knopfzelle) gibt, die zwar alle den gleichen Durchmesser, aber eine unterschiedliche Dicke aufweisen (auch eine interessante Frage: wieso überhaupt gibt es derart viele unterschiedliche Batteriemodelle?)) mal eben kurz ungeschehen machen kann. So wie in meiner Jugend damals ich mich noch meine zu erinnern, dass es üblich ist. Also: Ware und Kassenbon nehmen, zum Verkäufer der Wahl stiefeln, kurz den Sachverhalt schildern, das Produkt umtauschen, sich einen guten Tag wünschen, fröhlich nach Hause schlendern, dem Gesang der Vögel lauschen, ein Rehkitz streicheln und überhaupt den Lenz genießen.

Wie schon gesagt: naiv.

Denn so sieht’s wirklich aus: Durch einen heftigen Gewittersturm eile ich kopfgebeugt zum Elektromarkt des Unvertrauens, Regen und Hagel peitscht mir ins Gesicht, mein Schirm wurde schon vor Stunden auf links gedreht und fristet sein trauriges Restdasein an irgendeiner dreckigen Hauswand zwischen verrosteten Mülltonnen, motorisierte Höllenmaschinen pflügen durch tiefe Pfützen und verursachen meterhohe Wellen, die mich hinwegzuspülen drohen, während aus der Ferne das Heulen eines hungrigen Wolfsrudels zu vernehmen ist, das meine Fährte aufgenommen hat. Elmsfeuer umspielt die Lichtmasten, deren aschfahles Licht die unheimlichen Schatten der verwinkelten Gassen noch deutlicher hervortreten lässt. Auf den Verkehrsschildern sitzen Raben, dem Sturm trotzend und einen jeden meiner Schritte dräuend beobachtend. Ich haste weiter, vorbei an Gestalten mit rotglühenden Augen, hie und das vermeine ich einen Pferdefuß erkennen zu können. Kurz vor dem Erreichen meines Ziels tut sich die Erde auf, Schwefelgeruch umweht mich und…

Ok, ich gebe zu, ich übertreibe. Ein wenig. Es war nur ein Wolf, kein ganzes Rudel.

…und ich erkenne, dass es nur die elektrischen Schiebetüren waren, die sich nun mit einen satten “Plönk” hinter mir schließen und die Schrecken der Natur hinter mir lassen. Zumindest hoffe ich das und flehe, dass die auf der Glasfront angebrachten Vogelsilhouetten wenigstens einmal zu etwas gut sein mögen, wenn auch Vögel meine kleinste Sorge sind. Mühsam schleppe ich meinen geschundenen Körper zum Informationsschalter, an dem eine räudige schwarze Katze um die stark behaarten Beine einer mit Warzen übersäten alten Frau streicht, die gerade den letzten Bissen eines kleinen Kindes…

Also gut, also gut,  ohne Übertreibungen. Nochmal von vorne.

Denn so sieht’s wirklich aus: Mit den oben geschilderten Gedanken behaftet, wie es eigentlich ablaufen sollte (nein, ganz oben, ohne Wölfe), gehe ich mit Bon und Batterie zum Infoschalter. Und ich erkenne, dass ich noch eine ganze Weile im Laden verbringen werde.

Denn anstatt mir die Batterie anstandslos umzutauschen, erhalte ich von der Info-Dame einen Eigentumsbeleg, der beweist, dass mir bislang die Batterie gehört. Denn nur mit einem Bon behaftet kann ich die Ware nicht im Laden umtauschen, ich hätte ja ein böser Bube sein können, der mit einem alten oder gefundenen Bon versucht, sich Geld zu ergaunern, indem er den auf dem Bon vermerkten Artikel aus dem Regal zieht und damit zum Umtausch zur Kasse geht. Die Frage, wieso das nicht auch mit einem Eigentumsbeleg funktionieren sollte, indem ich einen alten Bon nehme, die Ware aus dem Regal ziehe und damit zum Infostand gehe, habe ich aus Zeitgründen hinuntergeschluckt. Vielleicht gibt es demnächst eine Besitzurkunde für den Eigentumsbeleg.

Zumal sich die Frage später von selbst beantwortet: Kein ehrlicher Gauner würde sich dieser Prozedur aussetzen, ein Banküberfall beispielsweise ist im Normalfall schneller zu erledigen und zudem lukrativer (nehme ich an, ich spreche hier nicht aus Erfahrung).

Jedenfalls Ersatz bekomme ich von der Dame nicht, dazu muss ich zu ihrem Kollegen an den Infoschalter in der entsprechenden Abteilung (es stellt sich heraus, dass es nicht nur den Infoschalter am Eingang, sondern noch unzähligen weitere Infoschalter gibt; offensichtlich war der erste, große Schalter so erfolgreich, dass sich daraus ein Franchisingunternehmen entwickelt hat). Der Staubschicht auf dem Tresen zufolge hat dieser Infoschalter allerdings schon seit geraumer Zeit kein Fachpersonal mehr erblickt. In einer Ecke ganz in der Nähe sitzt ein in sich zusammengesunkener älterer Herr mit einem verblichenen Stück Papier in der Hand, neben sich ein Häufchen Sägespäne. Was auf dem Zettel steht kann ich leider nicht entziffern, Sütterlin war noch nie meine Stärke, meine aber, “Volksempfänger” lesen zu können.

Dann jedoch erblicke ich über zwei Regalreihen hinweg eine Person in der Tracht des Elektromarktes und vermute, wie sich später dann herausstellt, richtig, dass es sich um den mir zugewiesenen Sachbearbeiter handelt. Bevor er sich jedoch um meine nichtigen Belange kümmern kann, muss er sich zuerst der wichtigen Frage eines Kunden stellen, der die für sich passenden Kopfhörer zu finden gedenkt. Passend im Sinne von: formschön, farbecht, angenehmer Tragekomfort, und, ganz wichtig, genügend Watt sollen es bitteschön auch sein für den richtigen Wumms. Man möchte ihm zurufen, mit zwei Glühbirnen kommt man pro Ohr auch auf 100 Watt, aber Töne geben sie dennoch keine ab. Letzten Endes unterlasse ich es aber, ich warte auch so schon lange genug.

Während ich also zum Zeitvertreib dabei zusehe, wie das Papier in der Hand des alten Mannes zu Staub zerfällt, hat die Servicekraft zu guter Letzt formschöne Kopfhörer mit Flauschvelour und Bassdruckdämpfung in den Ohrmuscheln in zartem blassorangegrün-metallic aus dem Hut gezaubert und den Kunden in ein zufrieden glucksendes Kind verwandelt – zumindest, bis er den Preis sieht. Aber immerhin. Und dann hat der Bedienmensch auch schon Zeit für mich und hilft mir aus der Furche, die ich zwischenzeitlich in den Boden getreten habe.

Zur Batterie, die ich ihm anschließend zum Behufe des Umtauschens übergebe, bekommt er von mir auch noch stolz meine Gefängnisfreikarte, vulgo den Eigentumsbeleg (ich bin Eigentümer! Das ist meine Batterie! Seht her! Ich habe Feuer gem… egal) – und den Kassenbon, den er obendrein verlangt. Offenbar reicht der Eigentumsbeleg alleine wohl doch nicht aus, und mein Stolz entweicht wie heiße Luft einer Politikerrede. Wieso es dann überhaupt diesen Eigentumsbeleg… aber das hatten wir ja schon.

Jedenfalls bekomme ich von ihm die Batterie auch nicht sofort umgetauscht, das wäre ja auch zu einfach gewesen, zuerst muss er, also quasi ich, noch ein Formular am Computer ausfüllen. Nach zwei, drei Startversuchen mit der Handkurbel springt der PC auch sofort an, was man gut am Klappern der Relais hören kann, und ich diktiere ihm die für den Umtausch benötigten Daten, wie Name, Adresse, Familienstand, Blutgruppe, ethnische Zugehörigkeit, Alterserwartung, Schuh- und Kleidergröße, BMI und Körpermaße, Bankdaten, Schufadaten, biometrische Daten, polizeiliches Führungszeugnis etc. Das Übliche eben. Das zwischenzeitlich von mir dargebotene Wattestäbchen mit Mundhöhlenabrieb wollte er aber nicht haben. Die Software für die Ermittlung der DNA würde erst nächste Woche installiert.

Von all den Daten erfolgt im Anschluss ein Ausdruck in doppelter Ausführung. Wobei, Ausdruck ist zuviel gesagt. Die Daten werden an zwei Stehpulte übermittelt, die zuvor meiner Aufmerksamkeit entgangen sind, an denen zwei Benediktinermönche (nur an geraden Tagen, sonst Franziskanermönche) zwei Abschriften auf zuvor selbst hergestelltes Büttenpapier kalligrafieren (aus Zeitgründen verzichten sie dankenswerterweise auf die sonst üblichen Heiligenbilder), deren Kunstfertigkeit ich sogleich mit meiner schnöden Unterschrift zerstöre. Aber glücklicherweise gebührt nicht nur mir diese Ehre, denn auch die Servicekräfte müssen ihren Servus daruntersetzen.

Servicekräfte. Mehrzahl. Denn offenbar könnte ich ja zum Erschleichen einer nicht beträchtlichen Geldsumme nicht nur einen Eigentumsbeleg in betrügerischer Absicht erworben, sondern auch noch eine Servicekraft bestochen haben mit dem Versprechen, den erbeuteten Betrag mit ihr geschwisterlich zu teilen. Zum Glück müssen wir nicht lange suchen, denn als erfahrene Servicekraft kennt er natürlich all die Ecken und Winkel, in denen man sich vor zu aufdringlichen Kunden verstecken kann (ein Unterfangen, was seit Bestehen einer Servicekräfte-App immer schwieriger geworden ist, weswegen man nun mit spanischen Wänden, Falltüren und Priesterlöchern vorbeugen möchte).

Wider Erwarten ist diese Prozedur schneller erledigt als gedacht, die Tinte des Kugelschreibers hatte vom Verlassen der Jackentasche bis zum Aufsetzen auf dem Papier noch nicht einmal Zeit, richtig einzutrocknen (ich vermute, die Kollegin ist noch nicht lange im Betrieb und weiß deswegen noch nicht, was richtiger Kundenservice bedeutet), und kaum, dass sie unterschrieben hat, kann ich endlich, endlich! meine Batterie umtauschen. Der Sachbearbeiter begleitet mich sogar auf meinem Weg, damit ich auch wirklich die passende Batterie bekomme und mich unterwegs nicht verlaufe. Zielstrebig steuert er das entsprechende Regal an, ein Griff und… ausverkauft.

Nachdem ich aus meiner Ohnmacht aufwache, die ich zum Teil auch einer mittlerweile erfolgten Dehydratation zuschreibe, erklärt mir die Servicekraft, dass alles halb so schlimm sei, sie hätten noch eine Batterie eines anderen Herstellers. Nun ist es an mir, zufrieden wie ein Kind zu glucksen, zumindest, bis die Servicekraft auf den Preis zeigt und meint: “Sogar einen Euro billiger. Dafür wartet man doch gerne ein Weilchen.” Sprach’s, und löst sich in einer Schwefelwolke auf.

Was danach passiert ist, weiß ich nicht mehr. Aber mittlerweile geht es mir wieder besser. Die Anstaltsleitung sagt auch, dass ich gute Fortschritte mache, und bald könne ich wieder unter Menschen gehen. Auf einen Umtausch allerdings solle ich, mit Rücksicht auf meine Gesundheit, in absehbarer Zeit verzichten.

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#1
Etosha
am 4. März 2013 um 23:20

“Fluchtgedanke” passt hier echt gut, denn diese Fluchtbedürfnisse kriegt man sogar beim Lesen. So gekonnt transportiert hast du die immense Geduld, die man für einen Umtausch beim Elektroriesen braucht, egal in welche Farbe er sich gerade hüllt. Auch beim Baumarkt sind mir für einen Umtausch schon sämtliche persönliche Daten abgeknöpft worden, die ich auswendig weiß, wobei ich mich immer fragte, durch welchen Umstand mir eigentlich die unermessliche Ehre zuteil werden konnte, dort zuvor völlig anonym einzukaufen und die erstandenen Waren unbehelligt von neugierigen Fragen (zB: “Iss’ schwer?” oder auch “Wie heißen Sie überhaupt?”) zu meinem Auto zu tragen – abgesehen vielleicht von der hierzulande ebenso verbreiteten wie unbeliebten PLZ-Frage an der Kasse, die ich mit Zufallszahlen zu beantworten pflege.

Unlängst musste ich für eine einfache Frage* den gesamten Beratungsablauf abwarten, der sich zwischen einem Elektrofachverkäufer und drei indischen, offenbar miteinander verwandten Menschen entspinnt, die sich die Vor- und Nachteile von Tintenstrahl- versus Laserdruckern ausführlich erklären lassen, samt Kostenvorschau auf Zubehör, Toner sowie Unterschiede bei Fotodruckpapieren, nicht ohne der Verwandtschaft kurze Übersetzungen zukommen zu lassen, um dann doch lieber an einem Notebook interessiert zu sein, von dem sie auch allerlei Unkenntnis haben.
(*Habt’s ihr xy? – Nein.)

Kurz gesagt – ich fühle mit dir. Und ich freu mich tierisch, weil du wieder schreibst, und weil’s mir so gut gefallen hat! xxx

#2
baumgarf
am 5. März 2013 um 12:56

Ach, bräuchte man doch nur beim Umtausch Geduld und Gelassenheit. Aber in den einschlägig bekannten Märkten werden eben in allen Bereichen Kundenlegastheniker eingesetzt. In grauer Vorzeit brauchte ich zum Verbinden von DVD-Player und Verstärker ein optisches Kabel, in den Regalen jedoch spielten die Staubmäuse fangen. Glücklicherweise kam gerade ein Mitarbeit…, also, Angestellter, so einer mit logobesticktem T-Shirt, das die Stammeszugehörigkeit anzeigt, des Wegs, um die Regale mit Kabeln aufzufüllen. Meine Frage, wo ich denn ein optisches Kabel fände, beantwortete er nonchalant mit: “Keine Ahnung, ich räume hier nur ein.”
Seitdem frage ich nur nach “Fach”-Personal, wenn es sich gar nicht anders vermeiden lässt und vertrete den Standpunkt, dass wenn ich etwas nicht finde, man offensichtlich nicht will, dass ich es finde, und schiebe es auf die mangelnde Übersichtlichkeit des Angebots.
Und die Frage nach den Postleitzahlen beantworte ich grundsätzlich auch mit erfundenen Zahlen, am liebsten mit solchen, die irgendwo im Norden zu verorten sind, damit es ihre Statistik so richtig schön verhagelt.

#3
Etosha
am 17. März 2013 um 20:43

Genau, genau und genau. Du hast wie immer recht :)
Habs meiner Mutter vorgelesen, die hat genauso viele Tränen gelacht wie ich. Jaja, die Gene! ;)