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Sich selbst von hinten mit Popcorn zu bewerfen ist einfach nicht dasselbe

1 Fluchtgedanke

Wie vermutlich ein (fast) jeder bestätigen kann, verhält es sich bei mit Gas gefüllten Räumen genau anders herum (antiproportional, wie der Japaner sagen würde) wie bei handelsüblichen Wohnungen.

Beispiel: Eine bestimmt auftretende Menge Gas füllt einen Raum bestimmter Größe schön gleichmäßig aus, weil Gas von Natur aus einen Hang zur Ästhetik hat. Vergrößert man nun den gegebenen Raum, so verteilt sich in relativ kurzer Zeit dieselbe Menge Gas wiederum gleichmäßig im nun größeren Raum, mit dem kleinen Unterschied, dass die Dichte abgenommen hat, denn das zusätzliche Gas, das für eine konstante Dichte nötig wäre, kann ja nicht einfach so aus der Luft kommen (…nicht einfach so aus der Luft… ja, kann man so stehen lassen). So viel zum kleinen Exkurs in die Schulphysik. Oder Chemie. Biologie? Egal.

Bei Wohnungen nun verhält es sich nun genau umgekehrt. Vergrößert man hier den zur Verfügung stehenden Raum, so verteilt sich das darin befindliche Gas ebenfalls wieder im nun größeren Raum, allerdings über einen wesentlich längeren Zeitraum hinweg und unter der Besonderheit, dass die Dichte des Gases konstant bleibt, wenn nicht sogar zunimmt. Die Schulphysik (oder -chemie (oder -biologie?))) (aber auch die Erwachsenenpyhsik (oder -chemie (-oder biologie?))) sagt uns nun (und ich übrigens einen Absatz weiter oben auch), dass dies nur sein kann, wenn sich die Menge des Gases erhöht.

Was ja auch so ist.

Wenn man “Gas” ersetzt durch Bücher.

Oder Filme.

Oder CDs.

Oder Klamotten.

Oder Möbel.

Und “oder” ersetzt durch “und”.

(allein dieser physikalischen (oder chemischen (oder biologischen?))) Besonderheit ist es übrigens geschuldet, dass weltweit Makler überhaupt einen Beruf haben; soll noch einer sagen, Mutter Natur täte nichts für ihre Söhne (oder Töchter (oder Biologie? (wie kommt das hierher?))))

Nun aber bin ich angetreten, diese physikalische (oder che… ich kürze das fürderhin ab) Besonderheit zu widerlegen und habe mir zu diesem Behufe eine größere Wohnung gesucht, die ich auch, oh Wunder, gefunden habe (2 Quadratmeter, die Tür öffnet nach innen, der Riesenschnauzer der Vermieterin wohnt ebenfalls darin … neinnein, keine Sorge, das ist nur ein Scherz. Es ist ein Rottweiler.)

In meinem neuen Domizil jedenfalls dachte ich, wäre es doch schön, ein Heimkino einzurichten, so richtig mit 5.1-, nein, besser 7.1-Surround-Sound, natürlich THX certified, einem Fernseher mit 60 Zoll Bilddiagonale, ach, was red’ ich, eine Leinwand mit zwei, drei, vie…len Quadratmetern, einem Beamer, nein, einem Projektor, der jedes Cineplex vor Neid erblassen und gleichzeitig die Schamesröte ins Gesicht treiben würde, dass jede Milkakuh ebenfalls vor Neid erblassen und die Schamesbläue ins Fell treiben würde, dann natürlich ein schwerer, blickdichter, elektrischer Vorhang, vielleicht mit kleinen LEDs besetzt, wie man es eben aus dem Kino kennt, und…

…habe relativ schnell die Beweisführung ad acta gelegt, und was die erwähnte Ausstattung anbelangt … sagen wir so: mein Kontostand und ich haben etwas konträre Ansichten darüber, was Reichtum bedeutet (womit mein Kontostand übrigens mit den meisten Einzel- und sonstigen Händlern konform geht (was nicht heißt, dass sie recht haben, denn ist Reichtum nicht subjektiv? Kann denn ein armer Mensch nicht reich sein? Reich an Erfahrung, reich an Genügsamkeit, reich an … ich schweife ab)).

Wenn schon nicht das Equipment, dachte ich, so sollte doch wenigstens die Ätmosphäre dem eines Kinos entsprechen. Deswegen habe ich zu meinem ersten geplanten Kinoabend folgende Vorbereitungen getroffen, Regeln aufgestellt und Pflichten erlassen; denn natürlich habe ich Freunde dazu eingeladen, weil nichts bedrückender ist, als alleine einen Film im Kino anzusehen (außer vielleicht noch alleine im schlechten Anzug und mit schief sitzender Krawatte im Restaurant abendzuessen und trübsinnig Speichelfäden ins langsam kalt werdende Filet Mignon abzusondern, während sich auf den Gesichtern der sonstigen Anwesenden ein faszinierender Mimikübergang von Mitleid zu Abscheu beobachten lässt).

Und zwar wie folgt:

Die zwei größten Personen haben im vorderen der zwei hintereinander gestellten Sofas platzzunehmen. Sie sollen sich stets aufrecht halten, es sei denn, sie sehen auf Facebook nach (wozu sie halbstündlich angehalten waren), was sich bei ihren Freunden grade so tut. Dazu sollen sie im Sitz nach unten rutschen, damit der hell erleuchtete Bildschirm direkt auf Augenhöhe der Personen in der hinteren Reihe ist. Die ihnen zugeteilten Chipstüten sollen sie öffnen bzw. aus ihnen essen, wenn ein wichtiger Dialog im Film vorkommt bzw. eine spannende Stille gefüllt zu werden hat. Optional steht noch eine Schale mit Nachos bereit, deren Käsesoße im Vorfeld mit extra Knoblauch und altem Romadur gestreckt wurde. Für den Fall von Langeweile steht es ihnen frei, sich über ihren Arbeitstag auszutauschen oder den letzten Urlaub.

Die Personen in der hinteren Reihe wiederum dürfen erst zehn Minuten nach Filmbeginn den Raum betreten und haben sich dann mit der vorderen Reihe ein Streitgespräch zu liefern über die Frage, wer denn nun rechtmäßig vorne sitzt, bis der Irrtum eingesehen und hinten Platz gemommen wird. Anschließend müssen alle Szenen lautstark kommentiert bzw. mit schlechten Wortspielen untermalt sowie an unpassenden Stellen gelacht werden. Wer den Film schon kennt, darf dem Nebensitzer gerne erklären, natürlich in gut verständlicher Lautstärke, was in den nächsten Minuten passieren wird. Popcorn steht bereit, um nach vorne geworfen, das Bier in der Bügelflasche hat mit lautem “Plöpp” geöffnet zu werden. Ein gelegentlicher Tritt in die Rückenlehne des vorderen Sofas rundet das Aufgabenfeld ab.

Ich wiederum habe mir auferlegt, in unregelmäßigen Abständen meine Freunde auf dem Handy anzurufen, dass sie natürlich nicht lautlos stellen geschweige denn abzuschalten haben. Sollte ich mit einem bereitgelegten Würfel eine sechs werfen, so muss der Anruf angenommen und mir in epischer Breite erklärt werden, warum man jetzt unmöglich telefonieren könne, weil man ja grade im Kino sitze und diesen Filme mit diesem und jenem Schauspieler ansieht, in dem es um dies und das geht, und momentan passiert folgendes. Als besonderes Schmankerl habe ich mir noch vorgenommen, mitten im Film den Platzanweiser zu spielen, der die hintere Reihe wegen des Gegröles maßregelt und droht, sie des Saales zu verweisen. Natürlich ohne dass der Film angehalten wird und über die vordere Reihe hinweg, damit ich auch sicher das Bild verdecke.

Wie man sieht, ich hatte für das richtige Kinoerlebnis an alles gedacht.

Nur nicht daran, dass niemand kommen wollte.

Banausen!

– baumgarf